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NIC2012

Neue Homepage

Zu einem meiner ersten Projekte in der Bibliothek gehörte die Neugestaltung der veralteten Internetpräsenz.

- Nach einigen Monaten der unfreiwilligen Verzögerung ist die Seite nun soweit, dass ich sie online stellen kann. Dem gelegentlichen Leser meines Blogs wird einiges bekannt vorkommen; die Gestaltung und Anlegung der Seite im Stil eines “Blogs” bietet neben einer Reihe von Nachteilen einen sehr gewichtigen Vorteil: Die Steuerung ist so einfach, dass jeder zukünftige Freiwillige und (das finde ich fast noch wichtiger) jeder andere [Nica-] Kollege sie bedienen kann.

- Der Grundstein für einen lebendigen Internetauftritt ist gelegt:

Hier klicken!

… immer noch.

des

Ich lebe noch.

lebenszeichen

LOGO1/ kleines Buch, rot

LOGO1/ kleines Buch, rot

LOGO2/ großes Buch, rot

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LOGO3/ kleines Buch, gelb

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Umfall

Als ich die Badezimmertür aufstieß lag Fabian zitternd am Boden und blutete am Kopf. Ich half ihm auf und versuchte, seine aufgeplatzte Augenbraue mit dem Desinfektionsspray zu besprühen. Da verabschiedete sich sein Bewusstsein zum zweiten Mal: Die Pupillen verengten sich, das Gesicht wurde weiß und Fabi fiel nach hinten um, wie ein Baum. Ich erwischte ihn gerade noch am Arm und konnte ihn vorsichtig auf den Boden legen.

Normalerweise stehen wir um 5.30 Uhr auf um zu trainieren. Fabi hatte nur gesagt, er fühle sich nicht gut, habe die ganze Nacht Durchfall gehabt und wolle deshalb das Training aussetzen. Ich hatte ihm Frühstück ans Bett gestellt und klopfte eigentlich an die Badezimmertür, um ihm einen guten Tag zu wünschen.

Mit Hilfe von David, der bei uns übernachtet hatte, hievte ich ihn auf sein Bett. Vor lauter Schreck hatte David sämtliche Notrufnummern vergessen und stand hilflos am Fußende. Ich bat ihn, bei Fabi zu bleiben und spurtete zu Bibliothek. Ich wusste: Unser Chauffeur Eddy ist immer als einer der ersten dort, so auch am Montagmorgen um kurz vor acht. Ein kurzes Erklären und ein etwas längeres Telefonat mit meiner Chefin später saßen wir zu viert im Auto der Bibliothek auf dem Weg zum nächsten Krankenhaus in Linda Vista. Das fünf Autominuten von unserem Haus entfernte ‚Hospital Lenin Fonseca’ ist eines jener von den Sandinisten stolz berühmten, öffentlichen und kostenlosen Krankenhäuser. Hospital público- Hospital de gente. Und das –verdammte Scheiße!- bemerkt man schon, wenn man nur den Vorraum der Notfallstation betritt: In schlechter Luft und schlechterer Beleuchtung drängt sich ein Pulk von hustenden, stöhnenden oder apathischen Menschen vor der bewachten Pforte zur Station, Sitzmöglichkeiten gibt es kaum. Fabi hing mit geschlossenen Augen und glühender Temperatur in meinem Arm, eine Frau überließ ihm ihrem Sitzplatz auf einer Bank. Das gab mir Zeit, eine Blick über die Absperrung ins Innere der Station zu werfen. Hunderte Menschen in Dunkelheit, Gestank, Schmutz. Wieder bat ich David, bei Fabian zu bleiben und hetzte aus der Klinik, um Eddy und den Wagen zu suchen. Ich hatte gehört, dass das ‚Hospital Militar’, das beste Krankenhaus in Managua sei. Lange Anfahrt hin oder her, in dieses Drecksloch hier wollte ich Fabi nicht stecken. Als das Auto mit laufendem Motor vor dem Eingang stand und ich etwas unruhig Fabi suchte um ihn einzuladen, tauchte wild gestikulierend David auf: Fabi war schon in der Station. Genauer gesagt auf der Toilette.

Um es abzukürzen: Das Hospital hat in seiner Traurigkeit diesen Namen nicht verdient. Jedes Kriegslazarett wird hygienischer sein. Die Herrentoilette mit zwei von einer Sperrholzwand getrennten Kloschüsseln und zwei Waschbecken teilen sich sämtliche, ich schätze dreihundert bis vierhundert Personen auf der Station – Patienten und Angehörige. Der Boden voll mit Kot, Urin; der Gestank unerträglich. Während Fabi auf der Toilette saß und in der Nebenkabine eine Frau Blut spuckte, humpelte eine Greisin in den dunklen, wenige Quadratmeter kleine Raum und erbrach sich weinend in eines der Waschbecken. Fabi bekam offenbar nicht allzu viel mit, ich musste ihn stützen. Nach längerem Suchen konnte ich einen Kittel für ihn auftreiben, Toilettenpapier gab es natürlich nicht. Man schenkte uns kaum Beachtung, im widerlichen Treiben des Hauptsaals fielen wir nicht sonderlich auf. Die insgesamt zwanzig Betten waren belegt; auf dem Boden und auf der Empfangstheke lagen Patienten mit Infusionsschläuchen im Arm, den zugehörigen Beutel mussten sie mit dem anderen Arm selber in die Höhe halten.

Im Gang quetschten sich die Leute, Patienten lehnten an den Wänden. Irgendwie bekam ich Fabi dann auf einen Stuhl vor dem Behandlungstisch einer betont desinteressierten Ärztin, deren Fragen ich –so gut es ging- für den halb bewusstlosen Fabi beantworten musste. Sie ordnete Blut- und Urinuntersuchungen an, zu machen im Labor. Im Labor angekommen und hereinspaziert!, wurde das Blut praktischerweise direkt abgenommen, meine Frage nach sauberen und neuen Wegwerfspritzen wurde mit einem verächtlichen „Wir benutzen nur neue Spritzen“ beantwortet, beruhigt war ich aber erst, als ich sah, dass tatsächlich neu eingeschweißte Nadeln und Spritzen sowie Zugänge benutzt wurden. Ich brachte die fertigen Proben ein Zimmer weiter: dort hockte ein dickes Fräulein hinter einem Tisch und schraubte an einem Mikroskop herum, dass mir aus dem Chemieunterricht in der zehnten Klasse bekannt vorkam. Auf dem Tisch saß die Kollegin in OP-Montur und aß eine Hamburger.

Unnötig zu erwähnen, dass es kaum möglich war, die behandelnde Ärztin im Chaos wiederzufinden und dass sie – als ich sie dann vor mir hatte- befahl, bis halb drei auf der Station zu bleiben, zur „Beobachtung“. Mittlerweile hatte Fabi eine Zugang gelegt bekommen und bereits einen halben Liter NaCl intus, den Beutel musste ich in der einen Hand, Fabi im anderen Arm halten. Ein Lager gab es nicht. Zum Glück begleitete uns David und konnte eine Ärztin überzeugen, uns einen defekten Zahnarztstuhl, der hinter einem Vorhang vor sich hin staubte, zuzuweisen. Später brachte er von Zuhause frische Kleidung für Fabi und etwas Wasser für mich.

- Das Warten in Ungewissheit zog sich hin, die Auswertung der Blutprobe dauerte nicht, wie angekündigt, ein-einhalb sondern vier Stunden. Neben uns wurde der auf unrealistische Größe angeschwollen Bauch einer alten Frau punktiert, noch nicht einmal von einem Vorhang getrennt. Zu unserer Rechten lag ein ohnmächtiges Opfer einer Steinattacke, einen Verband notdürftig um das zermatschte Gesicht gewickelt. Fabis Fieber und Umnachtung blieb, nur auf mein Drängen wurde die Infusion gewechselt und ein fiebersenkendes Mittel injiziert. Als wir nach einem Toilettengang wiederkamen, war auch unser Notlager belegt und es blieb nichts anderes übrig, als Fabi eine Viertelstunde im Arm zu halten – noch nicht einmal ein Stuhl war frei.

So stand ich da, mit Fabi im Arm, in einem dunklen, niedrigen und stickigen Raum, umschwirrt von hunderten von Leuten, Schreien, Klagen, Stöhnen. Der Boden belegt mit Menschen, die Betten voll mit Eiter und Blut. Und ich fühlte mich elend. Am liebsten hätte ich mich selbst geohrfeigt; warum hatte ich bloß zugelassen, dass sie hier Hand an Fabi legten? Wie konnte so etwas, wie ich es gerade erlebte, real sein? Wenigstens legte sich nach der Spritze und der zweiten Infusion sein Fieber und er war wieder etwas klarer bei Bewusstsein.

Eine Stunde des Wartens später kam das Ergebnis der Laboranalyse und die Diagnose: Schwere Nierenentzündung, Antibiotikum dort drüben abholen. Tschüss sagte keiner.

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Nach sieben Stunden im Krankenhaus war ich froh, wieder zu Hause angekommen zu sein. Fabi hatte sich auf Normaltemperatur abgekühlt und schlief. Ich war noch nicht beruhigt, der Schreck des Vormittags steckte mir noch in den Knochen. Ich war misstrauisch, die Diagnose erschien mir zumindest einer zweiten Meinung bedürftig, Fabis aufgeplatzte und geschwollene Augenbraue bereitete mir Kopfzerbrechen. Als später am Abend unsere Vermieterin mit ihrem Sohn Samuel heimkehrte, bat ich sie, mit uns in das private Krankenhaus der Polizei zu fahren; angeblich so gut wie das Militärkrankenhaus, nur deutlich näher gelegen.

In der sauberen, modernen und professionellen Klinik wurde das Ergebnis der Blut- und Urinuntersuchung von einer sehr freundlichen, führsorglichen und teuren Ärztin bestätigt, das Röntgen des Schädels (wegen des Sturzes) brachte Entwarnung: Nichts gebrochen! Auch die zum Glück wenig tiefe Wunde am Auge wurde verarztet.

Zum Glück, zum Glück: Was für ein Glück haben wir, dass wir so einfach in ein privates, gutes Krankenhaus fahren können! Gut, 70 Dollar sind zu zahlen, aber bitte..! – Mehr als neunzig Prozent aller Nicaraguaner und all die Leute, die uns noch am Vormittag schreiend, blutend und kotzend umringten, haben diese Möglichkeit nicht.

Jetzt, am Montag, eine Woche nach seinem ‚Umfall’ geht es Fabi den Umständen entsprechend gut, das Antibiotikum hat angeschlagen und er ist recht fidel. Ich bin die Woche über hier geblieben um ihn gesund zu pflegen, dabei fühle ich mich selbst mehr und mehr abgeschlagen und schlapp. Meine Reiseapotheke, viel Wasser, viel Schlaf, Meditation und Gesundheitsgymnastik solln’s richten.

Denn: Nicaraguanische Krankenhäuser? Nein danke, nicht schon wieder…

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